Neulandia-Mieterkollektive: Wie wir die Wohnungskrise als Katalysator einer neuen Gesellschaft nutzen können.
Für mich endete 2025 mit der Gewissheit, dass vom klassischen Politikbetrieb keine nennenswerten Lösungen mehr zu erwarten sind. Das gilt bei vergleichsweise kleinen Fragen wie der Wohnungskrise, ebenso wie bei der großen geopolitischen Neusortierung.
Das ist keine schöne Erkenntnis, aber immerhin sorgt sie für Klarheit. Wenn wir nicht lernen, uns als Bürger besser zu organisieren und unsere Interessen zu vertreten, werden sich eben andere Interessen durchsetzen.
So neu ist das alles nicht. Auch in der Vergangenheit brauchte es soziale Innovationen wie Gewerkschaften und Genossenschaften, um solidarische Alternativen zu ausbeuterischen Geschäftsmodellen zu etablieren.
Nun stehen wir erneut an einem solchen Scheideweg. Wir können zusehen, wie die Fossilindustrie unseren Planeten zerstört, wie digitale Plattformen uns in immer neue Abhängigkeiten bringen und wie Immobilienspekulanten immer größere Teile unseres Einkommens für sich beanspruchen. Oder aber, wir übernehmen Verantwortung für unser eigenes Schicksal und schaffen selbst die Welt, in der wir leben wollen.
Die Wohnungskrise als Test
Die Wohnungskrise ist dabei ein dankbares Testfeld, um die Macht kollektiven Handelns zu beweisen. Dankbar ist das Problem, weil es nahezu jeden in diesem Land berührt. Dabei geht es bei der Wohnungskrise um so viel mehr als um bezahlbaren Wohnraum. Die Wohnungskrise ist in Wahrheit ein Cluster-Problem. So wie wir Wohnen derzeit organisieren
- beschleunigen wir die Klimakrise
- verstärken wir die Umverteilung von unten nach oben- vertiefen wir den Stadt-Land-Graben
- produzieren wir Einsamkeit in einem bislang nicht bekannten Ausmaß
- untergraben wir das Vertrauen in die Demokratie
Umgekehrt gilt aber auch: Lösen wir die Wohnungskrise durch kollektives Handeln
- schützen wir das Klima wirkungsvoller als durch jede andere Konsumentscheidung
- machen wir Wohnen wieder bezahlbar
- sorgen wir für gleichwertige Lebensverhältnisse in Stadt und Land
- entstehen überall im Land (und darüber hinaus) solidarische Gemeinschaften
- vollenden wir die Demokratie, indem wir lernen, selbst Interessen durchzusetzen, anstatt unsere Verantwortung an Parteien zu delegieren.
In drei Schritten zum Ziel
Klingt gut? Dann packen wir es an. Hier kommt der Plan, wie wir die Wohnungskrise nutzen können, um eine Gesellschaft entstehen zu lassen, die der allgegenwärtigen Ohnmacht ein Ende setzt.
Schritt 1
Wir organisieren uns als Mieterinnen und Mieter in Kollektiven. Wir haben bereits eines begonnen, dem ihr euch anschließen könnt, indem ihr euch hier eintragt und eure Präferenzen angebt (Wunschwohnort, Miethöhe, Ausstattungsstandards, etc.)
Schritt 2
Als Kollektiv verhandeln wir günstige Konditionen mit gemeinwohlorientierten Großvermietern in Regionen mit Leerstand, also hauptsächlich mit Genossenschaften und kommunalen Wohnungsunternehmen. Vorteile können sein: ermäßigte Mieten, Umzugskostenzuschüsse oder Möbelspenden.
Schritt 3
Vor Ort sorgen Community Manager dafür, dass der Umzug in ein neues Umfeld zum gemeinschaftlichen Erlebnis wird. Stammtische, Bibliotheken der Dinge und offene Begegnungsorte, bauen Brücken zwischen allen Bewohner:innen in einem Kiez – gleich, ob neuzugezogen oder alteingesessen.
Selbstwirksamkeit als Superkraft
Alle drei Schritte lassen sich innerhalb eines Jahres umsetzen, und genau das habe ich mir zum Ziel gesetzt. Ihr könnt mich unterstützen, indem ihr euch dem Neulandia-Mieterkollektiv anschließt. Ihr könnt aber natürlich auch eigene Kollektive gründen. Je mehr mitmachen, desto größer der kollektive Erfolg.
Und was hat das mit der neuen Gesellschaft zu tun, die in der Überschrift angekündigt wurde? Nun, wenn der Plan aufgeht, entstehen überall neue Gemeinschaften, die eine zentrale Erfahrung eint: Selbstwirksamkeit.
Wer die Erfahrung gemacht hat, einen Beitrag zur Lösung der Wohnungskrise geleistet zu haben, wird vielleicht nicht direkt wieder dem Fatalismus verfallen. Sind wir erst einmal lokal und solidarisch organisiert, lassen sich noch zahlreiche andere Probleme kollektiv lösen.
Warum sich der Fossilindustrie ausliefern, wenn man Strom in Energiegenossenschaften selbst produzieren kann? Warum Lebensmittel durch die Welt transportieren, wenn wir Teil solidarischer Landwirtschaften sein können? Warum auf die Bundespolitik schimpfen, wenn wir gemeinsam mit visionären Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern viele kleine Utopien in die Umsetzung bringen können?
Zugegeben, das klingt naiv. Wenn es so einfach wäre, warum passiert so etwas nicht längst? Darauf habe ich keine Antwort. Was ich habe, ist die Erfahrung von knapp zehn Jahren sozialem Unternehmertum an der Schnittstelle zwischen Stadtentwicklung und Community Building. Ich kann mit zahlreichen Beispielen belegen, dass solche Ansätze funktionieren.
Meine Reise begann mit der Gründung des KoDorfs im brandenburgischen Wiesenburg. In diesem Jahr werden die ersten von 200 Menschen in das genossenschaftlich betriebene Quartier einziehen.
Im Rahmen des Summer of Pioneers durfte ich in zehn Kleinstädten in Deutschland und der Schweiz Gemeinschaften aus Changemakern entstehen lassen, denen es gemeinsam mit lokalen Akteuren nicht immer, aber oft, gelang, eine Aufbruchstimmung zu erzeugen, die das Schicksal ganzer Regionen erfasste.
Gemessen an den Herausforderungen, braucht es in diesem Jahr aber eine Mobilisierung, die mit den bisherigen Ansätzen nicht zu erreichen ist. Das ist eine große Aufgabe und eine noch größere Chance. Gelingt es uns gemeinsam, über Kollektive, dezentrale Solidargemeinschaften aufzubauen, sind wir bestens gerüstet für nahezu jede Herausforderung, die in den kommenden Jahren noch auf uns zukommen wird. Der größte Schaden, der vergangenen Jahre, ist die Vereinzelung. Sie macht uns schwach. Es ist die Gemeinschaft, die uns stark macht. Fatalismus ist so 2025. 2026 machen wir zu unserem Jahr.
Werdet Teil des Neulandia Mieterkollektivs: https://tally.so/r/PdRldx